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The Last of Us: Part II


Sieben Jahre nach der Veröffentlichung von „The Last of Us“ kehrt Autor und Regisseur Neil Druckmann mit „The Last of Us Part II“ zu seiner Franchise zurück, um die Geschichte des Meisterwerks weiter zu erzählen. Eine schwierige Aufgabe, denn das mit unzähligen Game of the Year Awards ausgezeichnete The Last of Us und sein kontroverses Ende boten eine schwer fortzusetzende Handlung.

Allerdings wird die Geschichte um die zwei Helden Joel und Ellie auf eine Art und Weise weitergeführt, die dem Nachfolger eine Existenzberechtigung gibt. Kaum ein Videospiel, Buch oder Film mit der Popularität von The Last of Us kann von sich behaupten einen derartigen Nachfolger bekommen zu haben. Denn The Last of Us Part II ist kontrovers. Kontroverser als das Finale des ersten Teils es jemals war. Mit der Geschichte wurden Risiken in Kauf genommen und diese Risiken haben sich bewährt, denn The Last of Us Part II ist, noch mehr als sein Vorgänger, ein Meilenstein im Videospiel Storytelling, der den Ableger von 2013 wundervoll ergänzt.

Während der Kern des ersten Teils die Vater-Tochter-Beziehung, die sich entwickelnde Liebe und Vertrauen zwischen Joel und Ellie darstellt, schlägt Part II andere Wege ein. Im Mittelpunkt steht nämlich der Hass. Wie weit Hass einen treibt, was man für den Hass aufgibt und was der Hass aus einem macht.

Joel, der als Vaterfigur für Ellie dient, wird am Anfang von Part II auf brutalste Art und Weise von Unbekannten vor Ellies Augen umgebracht. Ellie schwört sich Rache zu nehmen und die Mörderin ihres Ziehvaters zur Strecke zu bringen. So schlägt sie einen Weg des Hasses ein. Über den Verlauf der Geschichte verliert sie nicht nur sich selbst, oder ihre Freunde, sondern auch ihre Humanität.

Ellie bricht zusammen mit ihrer Freundin auf, um Joels Mörderin ausfindig zu machen. Über den Verlauf der Geschichte stößt ein weiterer Freund aus der Heimatstadt hinzu. Als Spieler begleitet man Ellie auf ihrem Pfad der Rache und bemerkt ihre negative Entwicklung. Hasserfüllt nimmt sie kaum mehr Rücksicht auf das Leben anderer. Im Versuch ihrem Ziehvater zu ähneln wird sie grausam und harsch. Sie foltert und mordet. Das alles, um für Gerechtigkeit zu sorgen. Man merkt, dass Ellies Begleiter sich immer mehr von ihr distanzieren und sie bemerken, dass Ellie an einigen Stellen zu weit geht.

Das kommt als Schock. Als Spieler erinnert man sich an das von Hoffnung erfüllte Mädchen aus dem ersten Teil, ein Mädchen das Witze macht, lacht und froh ist am Leben zu sein. In Part II ist davon fast gar nichts mehr zu sehen. Als kaltblütiger Killer durchstreift sie Seattle über mehrere Tage hinweg. Jeder Tag dient als Kapitel, der mit einem Flashback beendet wird. Jeder dieser Flashbacks zeigt Ellie und Joel zu verschiedenen Zeitpunkten in ihrem Leben nach dem Ende des ersten Teils. Während man Ellie in der Gegenwart immer mehr sich selbst verlieren sieht, sieht man in der Vergangenheit wie sie zu diesem Menschen geworden ist. Wie sie erst zu so einem Menschen werden konnte, einem Menschen, der sich so sehr der Rachedurst hingibt. Mit jedem Flashback rückt man näher an den Tag von Joels Tod und es stellt sich heraus, dass Ellies und Joels Beziehung nicht mehr das ist was sie mal war.

Weil Joel sie am Ende des ersten Teils vor ihrem Tod gerettet hat, konnte sie ihren Sinn im Leben nicht erfüllen. Ellie ist immun gegen den Virus, der die Menschheit plagt. Mit ihrer Hilfe hätte ein Heilmittel hergestellt werden können. Joel wollte nicht in Kauf nehmen, dass seine Ziehtochter stirbt, das ihm eine Tochter genommen wird. Joel tötet die Wissenschaftler, er rettet Ellie, er rettet seine Tochter. Sie wusste nichts von dem allen. Sie lebte im Glauben, dass sie doch nichts Besonderes sei und die Menschheit nie hätte gerettet werden können. Doch wäre Joel nicht gewesen hätte sie einen Zweck erfüllen können, einen Zweck, den sie nun in der Gegenwart zu suchen scheint. In der Zeit zwischen dem ersten und zweiten Teil fühlte Ellie sich als hätte ihr Leben kein Sinn. Über die Jahre hat sie den Bezug zu Joel verloren und fühlte sich allein, einsam, obwohl sie umgeben von liebevollen Menschen war. Menschen, denen sie wichtig war, die für sie alles tun würden. Menschen die nicht Joel waren.

Mit dem Tod von Joel hat Ellie die einzige Person verloren, von der sie wusste, dass sie ihm wichtig war. Auch wenn sich ihre Beziehung verschlechtert hatte, der Tod, die ewige Trennung von dieser einen Konstante in ihrem leeren Leben hat sie sich selbst verlieren lassen. Auf ihrer Suche nach Rache zieht sie ihre Freunde mit in ihren blinden Rachefeldzug, Freunde, die sterben oder permanente Verletzungen von ihrer Reise mitnehmen mussten.

Der Spieler mag gar nicht erst bemerken, was für einen negativen Einfluss diese Rachelust auf Ellies Umgebung und sie selbst hat. Denn schließlich spielte man Joel im ersten Teil selbst, trotz seiner Taten hat man ihn ins Herz geschlossen. Nicht nur Ellie, sondern auch dem Spieler wurde diese eine wichtige emotionale Verbindung genommen. Man kann Ellies blinde Wut nachvollziehen und freut sich selbst über die Chance sich an Joels Mörderin und ihren Freunden zu rächen. Aber The Last of Us Part II hat einen Trick im Ärmel, um seine Spieler nochmal darüber nachdenken zu lassen, ob das was Ellie tut wirklich angebracht ist.

Nach dem dritten Tag in Seattle findet die Mörderin Joels Ellie in ihrem Versteck. Sie tötet einen Ellies Freunde und ist im Begriff dazu einen weiteren zu ermorden. Ellie ist machtlos und der Spieler hasst die Mörderin Joels bloß noch mehr. Ellie ist machtlos, sie kann sich nicht wehren und die Mörderin hat ihre Waffe auf den Kopf von einem Ellies Freunde gerichtet. Die Perspektive wechselt zur Mörderin.

Viele Jahre vorher. Abby, die Mörderin, und ihr Vater sind wandern. Es stellt sich heraus, dass ihr Vater der Arzt war, der die Operation an Ellie hätte durchführen sollen. Der Arzt, den Joel umgebracht hat, um Ellie zu retten. Man findet heraus, warum Joel umgebracht wurde und man muss sich eingestehen, dass dieser Wunsch nach Rache irgendwo verständlich ist. Auch Abby hat um den Willen ihres Vaters Rache genommen. Rache an Joel. Das reicht aber noch nicht. Der Spieler wird Abby trotzdem hassen. Die Verbindung, die der Spieler über den ersten Teil zu Joel aufgebaut hat, wiegt mehr als dieses Wissen über Abbys Motive.

Deshalb spielt man nun parallel zu Ellies drei Tagen in Seattle, dieselben drei Tage aus Abbys Sicht. Man findet über weitere Flashbacks aus Abbys Perspektive heraus, dass Abby, ähnlich wie Ellie jetzt, von ihren Rachegedanken zerfressen war. Ihre Beziehungen haben darunter gelitten, dass sie nie von ihrem Wunsch Joel umzubringen loslassen konnte. Sie hat nur noch gelebt, um Joel zu töten. Sie hat ihren Körper so weit getrieben, dass sie die perfekte Mörderin wurde, musste immer trainieren und wollte sich keine Zeit für Freunde nehmen. Die Vorbereitung auf den Moment der Rache war wichtiger. Auch sie hat ihre Humanität verloren.

Über den Kurs der drei Tage in Seattle findet Abby wieder zu sich selbst. Sie trifft auf Lev, einen Jungen, der von einem Seattles Kulte geflüchtet ist. Er hilft Abby dabei wieder das Gute in sich zu entdecken. Nicht unähnlich dazu, wie Joel im Laufe des ersten Teils durch Ellie wieder menschlicher wurde.

Nachdem man über zehn Stunden mit Abby und ihren eigenen Freunden verbracht hat, fällt es nicht mehr ganz so leicht die ganze Situation so einseitig zu betrachten. Abby ist nicht mehr die eindimensionale Mörderin. Sie ist eine Mörderin, die man trotz ihrer Fehler zu verstehen lernt. Wenn man das denn zulässt. Man hat Abby leiden, lachen, sich fürchten und auch andere lieben sehen. Abby wird wieder zu einem Menschen, während Ellie ihre Menschlichkeit verliert.

Am Ende Abbys dritten Tages treffen sie und Ellie wieder aufeinander. Es kommt zu einem Kampf. Dem Kampf, an dem viele Spielstunden vorher die Perspektive von Ellie zu Abby wechselte. Als Spieler will man gar nicht mehr, dass die beiden sich bekämpfen. Man will, dass die unnötigen Gewalttaten ein Ende finden, aber trotzdem wird man dazu gezwungen Ellie als Abby zu konfrontieren. Abby gewinnt die Überhand und ist im Begriff Ellie und ihre Freunde zu töten. Kurz vor dem Todesstoß wird Abby von Lev an ihre Menschlichkeit erinnert. Sie verschont Ellie.

Ein Zeitsprung. Eine Weile später leben Ellie und ihre Freundin vermeintlich glücklich auf einem Bauernhof miteinander. Sie haben ein Kind, das Kind von einem Ellies Freunde, der aufgrund Ellies Lust nach Rache in Seattle ums Leben kam. Ein paar Minuten lang kann der Spieler entspannen, alles scheint ein gutes Ende genommen zu haben. Ellie lebt glücklich weiter, Seattle und Joels Tod sind vergessen. Zumindest bis Joels Bruder dem Bauernhof einen Besuch abstattet. Angetrieben von ihren unbewältigten Traumata bezüglich Joels Tod und dem von Joels Bruder ausgesetzten Druck begibt sich Ellie noch ein letztes Mal auf einen Rachefeldzug. Sie lässt ihren Bauernhof, ihre Freundin und ihr Kind zurück, um endlich Erlösung in ihrer Rache zu finden. Ellie versucht den Tod des Mannes zu rächen, der ihr am nächsten stand, von dem sie wusste, dass er sie geliebt hat, aber übersieht dabei, dass sie sich in einem neuen Umfeld an liebenden Menschen befindet. Sie gibt dieses Umfeld auf, im Glauben, dass Joel die einzige Person war, die ihr je diesen emotionalen Rückhalt und Liebe gegeben hat. Selbst die friedliche Zeit auf dem Bauernhof hat nicht gereicht, um Ellie zu zeigen, dass sie auch von anderen Menschen geliebt wird.

Ein weiterer Zeitsprung. Ellie ist im Begriff Abby zu finden. Man erkennt nichts mehr von der Ellie, die man im ersten Teil zu lieben gelernt hat. Sie ist mager, schwer verletzt und ungepflegt. Sie hält sich kaum mehr auf den Beinen aber ist angetrieben von ihrem puren Hass. Sie taumelt und schwankt, aber schafft es immer und immer weiter, solange sie sich ihr Ziel vor Augen hält. Abby zu finden und endlich Rache zu nehmen.

Abby hängt mager und kraftlos an einem Holzbalken, ihre Muskeln sind weniger markant und auch sie ist kaum wiederzuerkennen. Abby und Lev wurden drei Monate lang gefangen genommen und sind im Begriff zu sterben, bis Ellie sie findet. Ellie befreit sie und begleitet sie erst bis zum Strand. Lev ist bewusstlos und Ellie scheint im Angesicht Levs ihre Rachegedanken vergessen zu haben. Doch Ellie erinnert sich an Joels blutiges Gesicht und entschließt sich Abby nicht gehen lassen zu können. Abby weigert sich zu kämpfen, aber Ellie zwingt sie. Sie droht damit Lev umzubringen. Lev, der Abby zu einer besseren Person gemacht hat. Ellie wäre im Begriff einem anderen Kind ihre Bezugsperson zu nehmen, nur um ihre Rachegedanken zu erfüllen. Sie würde denselben Kreislauf an Gewalt, Hass und Schmerz fortsetzen

Es kommt zu einem letzten Kampf, Ellie gewinnt an Überhand. Sie ist im Begriff Abby zu ertränken und erinnert sich. An Joel. An ihr letztes Gespräch. Am Tag vor Joels Tod hatten Ellie und er ein Gespräch, das von einer hoffnungsvollen Zukunft zeugen sollte. Seit einem Jahr war ihre Beziehung zerstört. Aber an diesem Abend hat sich Ellie entschlossen Joel eine weitere Chance zu geben. Sie dachte nicht, dass sie ihm jemals für das vergeben kann, was er damals getan hat, aber sie wollte es versuchen. Jedoch konnte Ellie Joel niemals vergeben. Die Chance wurde ihr von Abby genommen. Aber genau die Erinnerung an dieses Gespräch rettet Ellie davor etwas zu tun, was sie niemals hätte Rückgängig machen können. Ellie lässt Abby gehen. Ellie bleibt einsam und gebrochen zurück. Aber sie hat verziehen. Sie konnte Abby gehen lassen und somit Joels Tod verarbeiten. Sie konnte Joel verzeihen. Abby umzubringen hätte ihr mit ihren Traumata nicht geholfen, so hätte sie Joel niemals verzeihen können. Und sie hätte Levs Leben ruiniert, obwohl er nichts mit dem Konflikt zwischen Ellie und Abby zu tun hat.

Die ganze Zeit ging es nur darum Joels Tod zu rächen. Bis gezeigt wird, dass es eigentlich um etwas anderes geht. Es ging darum, dass Ellie ihre Chance genommen wurde Joel zu verzeihen. Genau einen Tag nachdem sie bereit war ihre Beziehung zu Joel zu reparieren, wird diese Chance ihr wieder genommen. Sie konnte ihm nie verzeihen und auch keine neuen, positiven Erinnerungen mit ihm sammeln. Es ging Ellie weniger darum Joels Tod zu rächen, als ihre innere Leere zu füllen. Die Leere, die die Versöhnung zwischen ihr und ihrem Vater hätte füllen sollen. In The Last of Us erwähnte sie, dass es ihre größte Angst sei allein zu sein. Ohne Joel fühlte sie sich allein. Egal wie viele andere Menschen um sie herum waren.

Über den Spielverlauf sah man als Spieler erstmal nur einen Teil der Geschichte. Man wollte Abby tot sehen, genauso wie Ellie auch. Man wollte den Mann rächen, den man im ersten Teil noch selbst gespielt hat. Eine liebgewonnene Bezugsperson. Sobald man Abbys Perspektive sieht wird man dazu gezwungen sich zu überlegen, wen genau man eigentlich hasst. Der Spieler wird damit herausgefordert seine eigene Meinung zu konfrontieren und Joels Tod von einer anderen Seite zu sehen. Man verbringt in etwa genauso viel Zeit mit Abbys Geschichte, wie mit Ellies. Während Ellies Geschichte sich um ihre persönliche Rache dreht, geht es bei Abby um Liebe und Hoffnung. Mit genug Abstraktion und Empathie auf Seiten des Spielers ist es möglich Abby nicht mehr als den Bösewicht der Geschichte zu sehen. Auch Abby ist nur ein Opfer der Welt von The Last of Us. So sehr man Ellies Motive und Hass auch nachvollziehen kann, man muss sich eingestehen, dass Ellie irgendwann zu dem wird, was sie an Abby hasst, während Abby zu etwas Besserem wird. Abby wurde von der Welt durch den Dreck gezogen, aber über den Verlauf ihrer Geschichte rappelt sie sich wieder auf. Deshalb verzeiht der Spieler, oder empfindet zumindest Verständnis Abby als Charakter, als Mensch.

Ellie lässt Abby gehen. Ellie gewinnt einen Teil ihrer Menschheit zurück. Sie ist nicht mehr geplagt von Erinnerungen an Joels Tod. Sie kehrt zu ihrem Bauernhof zurück und findet ihn verlassen wieder. Ellies Jagd auf Abby hat sie bis an ihr Ende getrieben. Keine Freundin, kein Kind, kein Zuhause. Sie ist allein. Es ist das passiert, wovor sie sich am meisten gefürchtet hatte. The Last of Us Part II endet grausam. Ellie wurde alles genommen, was sie hatte. Sie ist durch die Hölle gefahren und hat es wieder rausgeschafft. Sie hat ihr Trauma überwunden. Trotz der trostlosen Situation, in der sich Ellie befindet, gibt es Hoffnung. Nun da Ellies Blick nicht mehr an der Vergangenheit hängt, gibt es auch wieder Raum für Ellie sich selbst zu finden. Auch sie kann sich wieder aufrappeln und die Erlebnisse überwinden, die sie zu einem schlechten Menschen gemacht haben. Es gibt wieder Hoffnung.














Beitrag vom 30. Juni 2020